Familie S.

Es war das einzige zweistöckige Haus im Dorf. Darüber hinaus fielen auch andere Besonderheiten auf. L-förmig am Hang gebaut, hatte das Haus einen Zugang direkt von der Straße zum Wohnbereich im Obergeschoss. Hier erstreckte sich eine Art Balkonkorridor mit schmiedeeisernem Geländer über die ganze lange Seite des L’s. Im Untergeschoss befanden sich Ställe, Garagen und Werkstätten, ausgestattet mit soliden zweiflügeligen Holztoren. Die Familie S. besaß früher eine Mühle, einen Mähdrescher und einige Traktoren. In deren Werkstatt konnte man fast jede erdenkliche Landwirtschaftsmaschine reparieren. (Die Mühle stand weiter unten im Dorf am Bach. Aus dem gekrümmten Auspuffrohr des Dieselaggregates sind früher blau-schwarze Rußwolken gequollen, begleitet von den typischen Lauten eines Binnenschiffes. Die letzten Jahre blieb dies aus, offenbar konnte niemand damit so richtig umgehen. Oder es fehlten Ersatzteile.)

Das ging eigentlich mit allen zwangskollektivierten Sachen so, ob Grundstücke, Häuser oder Plantagen: Sie verfielen in einem erschreckenden Tempo.

Der große Hof auf der Innenseite des L’s war nun von Gras und Unkraut überwuchert. Kein Wunder, denn das Haus stand schon über zehn Jahre leer, die Fenster mit Holzlatten zugenagelt. Das Wrack eines Traktors war noch gut auszumachen, die sichtbaren Innereien von Rost zerfressen. Hier hatte der Rost endgültig über Farbe und Schmiermittel gesiegt.

Dann wurden wir eines Tages Zeugen, wie die Holzlatten von den Fenstern verschwanden. Das Hoftor wurde aufgemacht, auf einer frisch gespannten Leine war Wäsche aufgehängt, Kindergeschrei drang nach außen.

Es war jedoch niemand von den S., das Haus war schon längst enteignet. Im Dorf waren die ersten Fremden erschienen.

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